Bevor ich ausführlich, wie bereits angekündigt, über meinen Theaterbesuch im Theater Dortmund in der preisgekrönten “Borderline Prozession” von Kay Voges schreiben werde, möchte ich ein ganz anderes Thema ansprechen, auch anlässlich des Wahlergebnisses am 24.September 2017, in dem die AfD so viele Stimmen bekommen hat. Genauer gesagt, möchte ich Euch einen sehr guten Freund vorstellen. In Deutschland würde man ihn momentan noch “Flüchtling” nennen, ja, ich habe einen sehr guten Freund, der ein „Flüchtling“ aus Syrien ist. Er hat mir die Theater- Karte besorgt, er hat mich eingeladen, als Dankeschön für meine Hilfe damals vor zwei Jahren als er aus Syrien hier angekommen ist. In diesem Land. In dieser Kultur. Damals, im November 2015, als ich ihn kennenlernte, sprach er etwas holpriges Englisch und natürlich kein Deutsch.
Heute schreibt er mir kurz vor der Vorstellung: “Um 19:30 Uhr fängt das Stück an! Bis spätestens 19:00 Uhr müsstest du die Karte abholen.” Wow, dachte ich, ich hatte ihn seit fast einem Jahr nicht mehr gesehen und war positiv überrascht über diese Nachricht im perfekten Deutsch. Alles klar, ich wusste also genau über den Ablauf der Kartenübergabe Bescheid.
Aber zurück zu seinem “Flüchtlingsstatus”. Raafat Daboul ist heute 25 Jahre alt, er ist im September 2015 über die Balkan- Route nach Europa geflohen. Er hatte damals bereits in Damaskus 1 1/2 Jahre an der einzigen staatlichen Schauspielschule in Syrien studiert. Und man kann sich vorstellen, wie schwer es dementsprechend war, dort aufgenommen zu werden.
Nach einem Bombenangriff auf das Haus seiner Eltern, den er nur knapp überlebt hat, entschied er sich Syrien zu verlassen und zu fliehen. Er entschied sich dafür Damaskus, seine Familie, seine Freunde, seinen hart erkämpften Studienplatz zu verlassen und nach Europa zu gehen. Aus Lebensgefahr!

Ursprünglich wollte er nach England, weil er dort Verwandtschaft hat und ein wenig die Sprache konnte. Nun war er aber in Deutschland gelandet. Er konnte kein Wort Deutsch, nur gebrochen Englisch. Hatte sein staatliches Schauspiel- Studium abgebrochen und seinen Weg über das Meer nach Europa gesucht. Und nun, nur knapp 2 Jahre später, “durfte” ich ihn in dem Theater- Stück bewundern, das in diesem Jahr, im Mai 2017, in Berlin den deutschen Theaterpreis bekommen hat. Ich bin stolz auf ihn. Raafat, ein junger Mann, der seinen Weg geht, der unbeirrt weitergeht. SEINEN Weg. Kein einfacher, ein sehr steiniger sogar. Er geht ihn mutig, voller Lebenswillen, Ausdauer und Fleiß!

Raafats Eltern sind in Syrien geblieben, da sein Bruder bis vor kurzem noch im syrischen Gefängnis saß. Das erste, das er mir an diesem Abend erzählte war, dass sein Bruder nun endlich wieder frei ist! Das war das Wichtigste worüber er sofort mit mir sprechen wollte! Absolut verständlich! Er wollte erstmal nicht über das Stück sprechen, über die Hintergründe des Stückes, wobei auch hier das Thema Krieg eine Rolle spielt. Aber dazu dann mehr in meinem nächsten Beitrag „Borderline Prozession“, in dem diese Realität in vielen, emotional sehr ergreifenden Phantasiebildern widergespiegelt wird.

Raafats Bruder saß 2 Jahre im syrischen Gefängnis, ohne den Grund der Verhaftung zu wissen, das hatte auch Raafat sehr mitgenommen. Nun möchte er, dass auch sein Bruder nach Deutschland kommt, das wird nicht einfach werden, aber die Hoffnung bleibt. Raafat bleibt ein Kämpfer für den Frieden, in einem friedlichen, freien Land. In unserem Land. Ein “Flüchtling”, der nun nach 2 Jahren ein “junger Schauspieler” am Schauspielhaus Dortmund ist, mit eigener Wohnung, einem bezahlten, ehrlichen Job, einer Partnerin, die er liebt, Kollegen und Kolleginnen, Freunden – ein “Freund” und „Kollege“ auch von mir, auf den ich sehr stolz bin.

Erzählt auch Ihr mir Eure Erfahrungen! Ich freue mich und bin gespannt!